Geschichte der Höhlenforschung im Dritten Reich
| Seit 1937 hatte die Gleichschaltung auch die Höhlenforschung erfaßt. Es etablierte sich ein Unrechtsstaat, welcher der Höhlenforschung in Österreich und Deutschland schwersten Schaden zufügte. Mit der Gleichschaltung aller höhlenkundlichen Vereinigungen in der Nazi-Organisation für Forschung und Kultur, dem "Ahnenerbe", war ein Klima geschaffen worden, das schon lange vor dem Krieg jegliche Höhlenforschung vollständig zum Erliegen brachte. |
| Während des zweiten Weltkrieges wurde mit einem Führererlaß vom 09.06.1942 der Totaleinsatz der Forschung für den Krieg gefordert. So rückte auch die Höhlenforschung in das Interesse des NS-Regimes. Das Rüstungsministerium unter Leitung von Albert Speer plante vermutlich schon ab 1943 die konsequente Verlegung der Rüstungsproduktion in unterirdische Hohlräume. Neben der Nutzung und dem Bau künstlicher Hohlräume rückten auch die natürlichen Hohlräume - also die Höhlen - in das Interesse der Machthaber. |
| Für die vor dem Krieg unpolitische Höhlenforschung war die Sammlung solcher Daten aus wissenschaftlichem Interesse selbstverständlich. Wegbereiter des deutschen Höhlenkatasters war Dr. Benno Wolf. Seine jüdische Abstammung und sein Wissen und Ehrgeiz auf dem Gebiet des Höhlenkatasters sollte er mit seinem Leben bezahlen. |
| Die Nazis beauftragten das eigens gegründete "Institut für Karst- und Höhlenforschung" mit der Beschaffung solcher Daten. So gelangten die unter anderem von Benno Wolf gesammelten Informationen in die Hände der Nazis. Hans Brand und seine Mannen vom Institut waren auch maßgeblich für die verbrecherische Ermordung von Dr. Benno Wolf verantwortlich. |
| Das Reichsamt für Bodenforschung erstellte am 01. Juli 1943 aufgrund eines Erlasses des Führerhauptquartiers eine "Tabellarische Übersicht der deutschen Höhlen (ohne Grubenbaue)". Eine Übersicht dieser Liste ist in den Mitteilungen des Verbandes der deutschen Höhlen- und Karstforscher (Jahrgang 47 (2); S. 48-50 ) abgedruckt. |
Karstwehr
| Ab Oktober 1942 wurde in Pottenstein das SS - Bataillon "SS-Karstwehr" gedrillt, die bei der Partisanenbekämpfung in Italien und Slowenien eine blutige Spur zog. Das SS-Karstwehrbataillon wurde im August 1943 nach Kärnten verlegt und war anschließend bei Tarvis im Einsatz. Im November 1943 wurde die Elitetruppe dem Höchsten SS- und Polizeiführer Italiens, Karl Wolff, zur Partisanenbekämpfung im Adriatischen Küstengebiet unterstellt. | ||||||
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Standartenführer Hans Brand war bis Juni 1944 der erste Kommandeur der Karstwehr. Danach folgten: | ||||||
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In Pottenstein gehörten 610 Karstpioniere, Karstjäger und Führungskräfte in vier Kompanien zu dieser Elitetruppe. Das Lager am Bernitz bestand aus einem Exerzier- und Sportplatz und 27 Gebäuden wie z. B. Mannschaftsbaracken (42,5 x 12,5 Meter), Ställe für 350 Pferde bzw. Tragtiere und Hallen für 100 Fahrzeuge. Rund um Pottenstein waren 16 Schießbahnen für den "Karstübungskampf mit allen Waffen" ausgewiesen. Als Wasserübungsplatz entstand der Schöngrundsee, gebaut von Häftlingen des Konzentrationslagers Flossenbürg. In einer Scheune im Löhrgäßchen befand sich die Außenstelle (Arbeitslager) des KZ. Die Truppenstärke der Karstwehr betrug zum Ende des Krieges etwa 8000 Mann. | ||||||
| Im August 1943 wurde die "SS-Karstwehr" durch den Reichsführer SS und Innenminister Heinrich Himmler angewiesen ein Verzeichnis der deutschen Höhlen zu erstellen. Organisatorisch unterstützt wurde die Karstwehrtruppe durch das "Wehrwissenschaftliche Institut für Karst- und Höhlenforschung" . Das Ziel der "Höhlennachweis-Abteilung" war die Beschaffung von Plänen und Unterlagen über Höhlen - dem sogenannten Kataster für ausschließlich militärische Zwecke. | ||||||
| Geschichtsprofessor Tone Ferenc von der Universität Ljubljana fällte ein klares Urteil: Es habe wahrscheinlich keine Truppe gegeben, die so viele Verbrechen an der Zivilbevölkerung beging wie die Karstwehr unter fast einjähriger Führung von SS-Standartenführer Hans Brand. |
Hans Brand
| Prof. Dr. Ing. Hans Brand (* 1879; † 1959) war Geologe und Bergbauingenieur und hat sich vor allem mit der Erschließung der Teufelshöhle (bei Pottenstein) ab 1922 befaßt. Hans Brand war SS-Standartenführer der Karstwehr. Von 1942 bis 1945 war in Pottenstein ein Außenlager des KZ Flossenbürg und ein Ausbildungslager (1942/43) für ca. 600 Mitglieder der SS-Karstwehr. Ungefähr 700 Gefangene mußten damals Sklavenarbeit zum Ausbau der Teufelshöhle und des Schöngrundsees leisten. |
| Brand wirkte in der Zeit des Dritten Reichs nicht nur in der Fränkischen Schweiz. Auch in Slowenien soll er am Aufbau der "SS-Karstwehr" mitgewirkt haben, die dort "Dörfer niedergebrannt und Massaker an der Zivilbevölkerung verübt" hat. Was das in Wirklichkeit wohl bedeutet hat, das zeigen uns die frischen Bilder aus dem Kosovo! |
Dr. Benno Wolf
| Dr. Benno Wolf (*26.09.1871 in Dresden; † 06.01.1943 im KZ Theresienstadt) war der Vorsitzende des Hauptverbandes österreichischer und deutscher Höhlenforscher. Wolf arbeitete als Richter und erstellte im Rahmen seiner beruflichen Arbeit den Entwurf des ersten deutschen Naturschutzgesetzes. So wird der Jurist, Verfasser der wichtigsten preußischen Naturschutzgesetze in den 20ern. Er kommt 1933 - als Jude diskriminiert - seiner Entlassung durch die Nationalsozialisten mit einem freiwilligen Abschiedsgesuch zuvor. |
| Seine Leidenschaft galt den Höhlen und ihrer Erforschung. Bereits 1923 hat der Hauptverband Deutscher Höhlenforscher auf seine Initiative bei der ersten Hauptversammlung in Semriach die Aufstellung eines zentralen Höhlenkatasters beschlossen. Pionierarbeit bei der Erstellung des deutschen Höhlenkatasters leistete dabei neben Wolf der Harzer Höhlenforscher Friedrich Stolberg. |
| Im Juli 1942 wird Dr. Benno Wolf, 71 Jahre alt, von der Gestapo verhaftet und mit dem 17. Alterstransport aus Berlin nach Theresienstadt deportiert. Er stirbt dort nach wenigen Monaten im Januar 1943 infolge der unmenschlichen Haftbedingungen. |
| Dr. Benno Wolf ist einer der Ehrenmitglieder des Verbandes deutscher Höhlen- und Karstforscher. Er hatte unglaubliche Verdienste in der deutschen Höhlenforschung. |
Der Dr. Benno Wolf Preis
| Der Verband der deutschen Höhlen- und Karstforscher hat auf seiner Hauptversammlung 1995 in Iserlohn/Letmathe den "Dr. Benno Wolf Preis" ins Leben gerufen. Mit diesem Preis gedenkt der VdHK dem im KZ Theresienstadt verstorbenen Nestor der deutschen Höhlenforschung. |
| Zudem sollen nicht nur besondere Leistungen im Höhlenschutz und in der Höhlenforschung gewürdigt werden, sondern es soll auch ein Zeichen gegen Intoleranz und Unfreiheit in der wissenschaftlichen Forschung gesetzt werden. |
Bisherige Preisträger
| 1996 Prof. Hubert Trimmel (Wien) | |
| 1997 Petra Boldt (Schelkingen-Schmiechen) und Karl Hager (Nürnberg) | |
| 1999 Geologisches Landesamt Nordrhein-Westfalen (Krefeld) | |
| 2000 Bodo Schillat (Rinteln-Steinbergen) | |
| 2002 Dr. Herbert W. Franke (Puppling bei München) | |
| 2003 Prof. Dr. Wolfgang Dreybrodt (Bremen) | |
| 2004 Stefan Zaenker (Fulda) | |
| 2006 Dr. Klaus Dobat (Tübingen) | |
| 2007 Jörg Obendorf (München) | |
| 2008 Dieter Stoffels (Mülheim) | |
| 2009 Michael Laumanns (Berlin) |
Literaturverzeichnis zu dem Thema
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Baranowski F. (2000): Die verdrängte Vergangenheit. Rüstungsproduktion und Zwangsarbeit in Nordthüringen. - Duderstadt (Mecke Druck und Verlag) |
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Benz W., Distel B., Königseder A.: Der Ort des Terrors Band 4 |
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British Intelligence Objectives Sub-Committee (o.J.): Underground Factories in Central Germany. - London. |
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Engelbrecht P. (1997): Touristenidylle und KZ-Grauen - Vergangenheitsbewältigung in Pottenstein. - Byreuth (Verlag C. u. C. Rabenstein). |
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Kater M.H. (1974): Das "Ahnenerbe"der SS 1935 - 1945. Ein Beitrag zur Kulturpolitik des Dritten Reiches.- Studien Zeitgesch., Inst. f. Zeitgesch., dva |
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Knolle F. (1990): Zur Geschichte der deutschen Höhlenkunde im Schatten des Nationalsozialismus.- Mitt. Verb. dt. Höhlen- u. Karstforsch. 36(1):4-10 |
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Knolle F. (2001): Nazi-"Höhlenerlasse", militärische Höhlenkataster und alliierte höhlenkundliche Geheimdienstberichterstattung.- Mitt. Verb. dt. Höhlen- u. Karstforsch. 47(2):48-50 |
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Knolle F., Schütze B. (2005): Dr. Benno Wolf, sein Umfeld und seine interdisziplinäre Wirkung, eine Klammer zwischen den deutschen Höhlenforscherverbänden. Mitteilungen des Verbandes der deutschen Höhlen- u. Karstforscher, 51(2):48-55 |
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Reichsamt für Bodenforschung (1943): Tabellarische Übersicht der deutschen Höhlen (ohne Grubenbaue), Stand vom 1. Juli 1943. - Berlin |
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Reinboth F. (Hrsg.) (1984): Friedrich Stolberg - nachgelassene Schriften. - Abh. Arbeitsgem. Karstkde. Nds., 4, 1 - 42. |
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Schaffler H. (1991): Die "Höhlenforschung" im Dritten Reich. - Karst u. Höhle, 1989/90, 33 - 97; München. |
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Stoffels D.: Dr. Benno Wolfs Wirken in Rheinland-Westfalen. In: Mitteilungen und Berichte Speläogruppe Letmathe. Nr. 2, Iserlohn 1987, S. 10-20 |
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Stoffels D.: Dr. Benno Wolf - Ein Pionier der Höhlenforschung in Deutschland. In: Speläologisches Jahrbuch 1994. Verein f. Höhlenkunde in Westfalen, Iserlohn 1995, S. 78-83 |
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Stoffels D.: Dr. Benno Wolf und das dunkle Kapitel deutscher Höhlenforschung. In: Der Höhlenforscher. 27 (1995) 2; 35 - 43, Dresden |
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Stoffels D.: Dr. Benno Wolfs Todesdatum festgestellt. In: Mitteilungen Verband der deutschen Höhlen- und Karstforscher. 41, Nr. 4, München 1995, S. 55 |
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Wagner A.: Erinnerungen an Landgerichtsrat Dr. Benno Wolf. In: Mitt.-Bl. Abt. Karst- u. Höhlenkde. Naturhist. Ges. Nürnberg 1981, 14(1/2), Nr. 24, S. 8-16 |
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Wichert H. W. (Hrsg.) (1993): Decknamenverzeichnis deutscher unterirdischer Bauten, U-Bootbunker, Ölanlagen, chemischer Anlagen und WIFO-Anlagen des zweiten Weltkrieges. - Marsberg (Joh. Schulte). |
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Wolf B. (1924): Jahresbericht der Gesellschaft für Höhlenforschung und Höhlenkunde in Berlin, 23pp, Berlin |
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Wolf B. (1938): Animalium Cavernarum Catalogus, Dr. W. Junk, s'-Gravenhage, 3 Bände |
Zusammengetragen von L. Midden